
Unser Studiogast in dieser Woche ist Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Institut HWWI. Mit ihm haben wir uns über den Investitionsboom in Osteuropa unterhalten. DW-TV: Lettland war lange Zeit Wachstumslokomotive der EU, zwischen 2000 und 2007 wuchs die lettische Wirtschaft um 85 Prozent. Das klingt wahnsinnig viel, zwischen 2000 und 2007 - aber das ist eine große Blase, oder? Thomas Straubhaar: Nicht nur, das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Lettland, wie alle osteuropäischen Länder, von einem vergleichsweise sehr tiefen Niveau aus gestartet ist und jetzt von diesem Aufschwung ihrer Nachbarländer enorm hat profitieren können. DW-TV: Dieses tiefe Niveau hat natürlich sehr viele Investoren auf den Plan gerufen. Nur mal in Zahlen, wir haben das auch mal aufbereitet: Allein nach Polen, dem größten der Beitrittsländer der EU-Osterweiterung, sind zwischen 2000 und 2006 mehr als 60 Milliarden Dollar geflossen. Nach Lettland mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern immer noch 4,1 Milliarden Dollar. Wie hat sich das denn ausgewirkt? Thomas Straubhaar: Das wirkt sich so aus, dass eben jetzt auch Firmen aus Westeuropa ihre Sitze nach Lettland verlagert haben, dadurch haben sie neues Kapital gebracht, haben auch lettische Arbeitskräfte vergleichsweise produktiver werden lassen, so dass heute lettische Arbeitskräfte, Fachkräfte, in diesen Ländern bereits knapp geworden sind. DW-TV: Allerdings schürt das natürlich auch eine Angst. Eine Urangst auch bei den Deutschen, man hat das gesehen im Fall von Nokia, als Nokia in Bochum das Werk aufgelöst hat und nach Rumänien gegangen ist – wegen der niedrigeren Löhne. Wird das so bleiben, oder wie wird sich das entwickeln? Thomas Straubhaar: Das wird durchaus in vielen Bereichen so bleiben, weil dieses Lohngefälle nach wie vor sehr groß ist, aber wir haben ja auch gesehen, dass eben auch gegenteilige Tendenzen feststellbar sind, dass plötzlich deutsche Bauarbeiter nach Lettland gehen, weil sie produktiver sind, weil sie besser ausgebildet sind, weil sie länger arbeiten, besser organisiert sind. Und von daher gesehen ist das nichts anderes als ein Zeichen, dass Europa zusammen wächst und dass eben Grenzen nicht mehr die Rolle spielen, die sie einmal gespielt haben. DW-TV: Also Sie meinen, das relativiert sich dann, im Laufe der Zeit? Thomas Straubhaar: Das wird sich relativieren, und es wird immer eine Hin- und Herbewegung geben – einmal von Direktinvestitionen und einmal von Migration, einmal von Handel – und genau das ist eigentlich das Beste, das Europa passieren kann, dass es zusammenwächst. DW-TV: Das heißt, wir sollten auch ein Stück weit Abstand nehmen von dieser Angst und sagen: Wir machen die Grenzen auf. Denn im Moment ist es ja so, dass Fachkräfte aus Lettland nicht einmal nach Deutschland kommen können, zumindest nicht in den nächsten zwei Jahren. Thomas Straubhaar: In der Tat halte ich das für keine kluge Entwicklung, dass wir sagen: wir wollen die Grenzen gegenüber den mittel-osteuropäischen Beitrittsländern und neuen EU-Mitgliedern noch so lange geschlossen halten. Hier wären wir sehr gut beraten, viel früher viel offener gegenüber diesen Menschen zu sein, weil sie letztlich jene Qualifikationen bringen, die hier in Deutschland zum Teil fehlen. Interview: Anja Heyde
