DIE GESPENSTER UND DAS MORGENROT (Lied eines Nürnberger Kaplans um 1970) Wühl dich ins Kissen, dass er dich nicht sehn kann; horch nur, da dröhnt auf der Treppe sein Tritt! Wie ich ihn hasse! den Herrn dieses Hauses, der meine Freiheit so schändlich bedrückt. Bleib ich denn immer dem Andern unterworfen? Muss seiner Laune gefügig ich sein? Nein, nicht du bist's, den ich hasse , Vorgesetzter Hannes, Du bist nur die Wand, auf der das erste böse Bild erscheint. Aus uralt vergangnen Tagen bricht es in mein Leben, überzeichnet deine kleine Wirklichkeit ins Riesenmaß. Aber jetzt erstrahlt die Sonne neu geschenkter Freiheit. Das Gespenst hat sich verflüchtigt und der Bruder lebt. Hei, wir wollen weiter streiten: denn wir sind verschieden, aber jetzt als freie Menschen ohne dumpfen Hass. * Schön bist du heute, so seh ich dich gerne. Tanz noch zu Ende und dann komm zu mir. Sie aber sieht mich und geht nicht herüber; kaum einen Gruß bin der Stolzen ich wert. Ach! Da wird's dunkel. Was freut mich noch auf Erden? Ohne die Liebe hat alles keinen Sinn. Nein, nicht du bist's, die mir wehtut, liebliche Kristina. Du bist nur die Wand, auf der das erste süße Bild erscheint. Aus uralt vergangnen Tagen bricht es in mein Leben, überzeichnet deine kleine Wirklichkeit ins Riesenmaß. Aber jetzt erstrahlt die Sonne neu geschenkter Freiheit. Das Gespenst hat sich verflüchtigt und die Schwester lebt. Lass uns weiter Freunde bleiben und einander helfen: aber jetzt als freie Menschen ohne trübe Gier. * Hör ich nicht Tuscheln? Da war doch Gekicher! Ich spür es deutlich: man lacht über mich. Schaut, wie er angibt - so denken sie alle - steht schon am Rande und merkt es noch nicht. Nein, ihr wisst nicht, wie es sich gehört, doch wartet! Ich zeig euch schon, dass ich in der Mitte bleib ... Nein, nicht ihr seid's, die mich ärgern, lustige Kollegen, ihr seid nur die Wand, auf der das alte arge Bild erscheint. Aus schon lang vergangnen Tagen bricht es in mein Leben, überzeichnet eure kleine Wirklichkeit ins Riesenmaß. Aber jetzt erstrahlt die Sonne neu geschenkter Freiheit. Die Gespenster sind zergangen und die Gruppe lebt. Dass ich viel Geschwister habe, ist ein Grund zur Freude: gleichberechtigt eingeordnet, bin ich mit dabei. * Wein doch nicht, Bübchen! Was ist denn geschehen? Ein strenges Wort nur, und schon heult er los. Plötzlich durchbohrt mich sein Blick voll Entsetzen und ein Paar Augen - schaut mich als Gespenst. Wer rettet uns vor den Schatten unsrer Kindheit? Wo ist die Macht, die den Geisterbann zerbricht? Morgens wenn die Sonne aufgeht, bleichen die Gespenster. Vor dem Glanz der Himmelsliebe kann kein alter Wahn bestehn. Aus der lichtumsäumten Zukunft bricht Sie in dein Leben, heilt die kranke Bilderwelt, berichtigt sie nach Gottes Maß. Fragst du dann, was soll ich tun mit neu geschenkter Freiheit? Strahle du die Liebe weiter, und dein Mitmensch lebt. Einmal noch, da würgen dich erbarmungslos die Geister. Du versinkst in Angst. Und wenn du aufwachst, ist es TAG.