
So mancher in Wolfsburg ist über Nacht reich geworden. Der rasante Anstieg der Volkswagen-Aktie – viele im Besitz der Konzern-Mitarbeiter – hat nicht nur sie überrascht. Selbst alte Hasen im Börsengeschäft können sich an etwas Ähnliches nicht erinnern. Seit Juli 2007 ist der Kurs der VW-Aktie um 1.000 Prozent gestiegen. Doch dieser Anstieg des Börsenwerts hat nichts mehr mit dem wahren Wert des Unternehmens Volkswagen zu tun. Ganz offiziell stehen gewagte Spekulationen dahinter – durch schief gegangene Optionsgeschäfte und deren bittere Folgen. Doch jenseits der offiziellen Erklärung gibt es jede Menge Gerüchte – Porsche strebt die Aktienmehrheit bei Volkswagen an. Unsere Reporterin Grit Hofmann war unterwegs in der VW-Stadt Wolfsburg und im deutschen Börsenzentrum Frankfurt. In Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt. ------------------------------------------------------------- Bei Volkswagen in Wolfsburg geht es normalerweise um Autos. Vor kurzem aber sprachen hier alle von der VW-Aktie. Sie stieg auf über 1.000 Euro. Lukrativ, wenn man sie besaß – vor allem für die Mitarbeiter: "Ich habe gar keine VW-Aktien, was soll ich damit? Da werde ich ja nur reich!" – "Ich hab keine mehr. Ich habe sie vor zwei Monaten verkauft – leider zu früh! Jetzt ärgere ich mich" Wie dieser VW-Mitarbeiter wollten viele Wolfsburger ihre Aktien ganz schnell verkaufen. Die örtlichen Banken erlebten einen Ansturm. Jahrelang dümpelte das VW-Papier bei etwa 35 Euro, nun war es plötzlich ein Vielfaches wert. Goldgräberstimmung im VW-Land. Schock dagegen im deutschen Finanz-Zentrum Frankfurt. Porsches Kaufgelüste an VW haben Börsenhändler wie Oliver Roth vollkommen überrumpelt: Porsche kaufte und kaufte. Plötzlich waren nur noch 5 % VW-Aktien im Umlauf! Die Finanzbranche war aufgeschreckt. Vor allem Hedgefonds brauchten die VW-Aktien dringend für eigene spekulative Geschäfte: Es begann ein Run auf die wenigen restlichen Aktien. Die Folge: der Preis stieg rasant. Und das wirbelte den deutschen Aktienindex DAX komplett durcheinander. Börsenhändler Oliver Roth: "Ich habe auch internationale Gespräche geführt, gerade mit den US-Amerikanern. Da gab es nur kopfschütteln. Keiner hatte Verständnis, warum die Aktie weiter gehandelt wurde. Das war schon etwas von einem Irrenhaus, was von deutscher Börse in die Welt gesandt wurde." Börsen-Beben auch bei den konservativen Anlegern. Seit Jahren nimmt der Fondsmanager Stephan Thomas VW in seinen Fonds. Nun drehte die Aktie durch: sie war so teuer, dass sie ein Drittel des DAX ausmachte: "Sie haben keine Möglichkeiten, daran was zu ändern. Also Sie sitzen da mit gebundenen Händen und weinendem Auge und hoffen, dass die Sache bald vorüber ist." Inzwischen hat die Deutsche Börse reagiert: kein Unternehmen darf mehr als 10 % im DAX ausmachen, Kursschwankungen müssen begrenzt sein. Experten warnen trotzdem, der Höhenflug der VW-Aktie wird kein Einzelfall bleiben. Aktionärsschützer Klaus Nieding: "Die Phantasie der Beraterbranche ist da im Grunde grenzenlos, Wir bekommen das nicht generell mit Regulierungen in Griff, irgendwelche Hintertürchen wird man immer finden." Zurück zum VW-Werk in Wolfsburg. Ernüchterung, die Aktie ist inzwischen wieder stark gefallen. Die vielen Leiharbeiter hier hat das Auf und Ab der Aktie sowieso nicht interessiert. Statt um Wertpapiere machen sie sich Gedanken um ihren Job. Die Autokrise wird auch VW erreichen. Dann sind sie die ersten, die gehen müssen.
