
Dirk Müller ist Börsenmakler an der Frankfurter Börse. Er hat schon viele turbulente Handelstage erlebt, manche nennen ihn "Mr. Dax", da er als der meist fotografierte Börsenmakler gilt. Er wurde wie kein anderer zum Gesicht der Börse, zeigt seine Gefühle wie Euphorie und Angst. Müller hat auch ein Buch geschrieben. "Crashkurs" heißt es und handelt von der Weltwirtschaftskrise. DWTV: Bei uns im Studio ist jetzt ein Mann, der aktuell einen "Wirtschaftskrimi", möchte man fast sagen, verfasst hat: Dirk Müller ist eigentlich Börsenmakler an der Frankfurter Börse – jetzt Autor. Herzlich Willkommen, Herr Müller. Was ist denn besser: Autor oder Börsenmakler? Dirk Müller: Sowohl, als auch. Beides hat seine Vorteile, aber offen gestanden: Mir macht das mit dem Buch im Moment eine Menge Spaß. Ich habe 16 Jahre lang Zahlen von rechts nach links geschoben und jetzt so ein bisschen Dolmetscher zu machen, zwischen der Finanzwelt - was da hinter den Kulissen passiert – und den Menschen draußen, das ein bisschen zu übersetzen macht schon sehr viel Spaß und das Feedback ist ausgezeichnet. DWTV: Das Buch heißt "Crashkurs", wir können es ja kurz zeigen, was genau steht denn drin, wenn sie sich als Dolmetscher bezeichnen? Dirk Müller: Es ist einerseits tatsächlich der "Crashkurs", auf dem sich unser Finanz- und Wirtschaftssystem zur Zeit befindet, was seit langem absehbar war, das ist im System angelegt. Zum anderen ist es ein "Cashkurs", in dem Menschen mal erklärt, was da alles zusammen hängt: Zwischen dem Geld, wo das her kommt, wo die Probleme sind, was politisch hinten dran passiert, welche Intrigen da gespielt werden, wie wir alle über den Tisch gezogen werden mit den Wirtschaftsdaten wie den Arbeitslosenzahlen oder der Inflationsrate. Und das ganze noch mit Augenzwinkern, mit ein bisschen Humor, so dass jeder Spaß dran hat. Man darf über Geld auch mal lachen und von daher soll es auch ein bisschen unterhaltsam sein. DWTV: Wir haben ja gesagt, Herr Müller, sie sind Börsenmakler an der Frankfurter Börse. Wir wollen den Zuschauern gerne mal zeigen, wo sie arbeiten. Seit 1992 sind sie an der Frankfurter Börse, man nennt sie auch "Mr. Dax" – freiwillig oder nicht – oft, wenn es um die Börsenberichterstattung in der Krise ging, ist dann ihr Gesicht in den Medien aufgetaucht. Sie bestimmen ja auch, was verkauft wird und was nicht, also wenn es um Derivate oder was auch immer geht. So gehören sie schlussendlich auch zu denjenigen, die die Krise mit verursacht haben. Warum sollte sich der Leser jetzt ausgerechnet von ihnen belehren lassen? Dirk Müller: Da muss ich ein ganz großes Veto einlegen: Ich bestimme keineswegs, was gekauft wird. Der Makler an der Börse ist der neutrale Intermediär: Der Vermittler zwischen Käufern und Verkäufern. Ich treffe keine Entscheidung, ich empfehle nichts, ich bin ganz neutral. Da kommen zwei, der eine möchte kaufen, der andere möchte verkaufen. Die Zwei bringe ich zu möglichst fairem Kurs zusammen. Und das mit ganz traditionellen Aktien. Nicht mit Derivaten, nicht mit Zertifikaten, sondern mit dem ganz traditionellen und ehrenvollen Aktiengeschäft: Es beteiligt sich jemand mit Geld an einer tollen Idee, schafft Arbeitsplätze. Das ist die beste Form der Investition. DWTV: Wenn sie jetzt die hehre Ausnahme sind, wer sind dann die Anderen, die das Ganze verursacht haben da an der Börse? Die Spekulanten? Dirk Müller: Wir sind alle Teil des Systems. Wir sind alle Teil dieses Wirtschaftssystems. Der Verbraucher, der Börsenmakler, der Banker, es sind alle Teil des Systems. Dieses System hat sehr viele Fehler. Es ist ein gutes System an sich aber mit sehr vielen Stellschrauben, die verändert werden müssen, um das System zu optimieren. Und da müssen wir mächtig Gas geben. Da ist in den letzten Jahren so viel Verrücktes, so viel in die falsche Richtung gelaufen. Ich befürchte, dass wir da sehr große Anstrengungen machen müssen, um dieses System wieder zu einem zu machen, was für alle Menschen von Vorteil ist und nicht nur für wenige, die am Ende noch das ganze System in den Abgrund ziehen. DWTV: Das heißt, wir sind noch lange nicht am Ende angekommen, wenn ich sie richtig verstehe? Dirk Müller: Absolut nicht. Die Krise ist noch mitten am Laufen, auch wenn im Moment gerade keine Beben zu verspüren sind. Die Probleme sind alle noch da, der "Giftmüll" ist noch da, die Verschuldung ist noch da und die Systeme sind auch noch nicht umgebaut worden. DWTV: Was machen wir denn mit dem Giftmüll und mit der Verschuldung? Dirk Müller: Gute Frage. Uns wird über Kurz oder Lang nichts anderes übrig bleiben, als diese Schulden irgendwann zu streichen. Über was wir gerne diskutieren können ist der Zeitraum: passiert das in den nächsten 24 Monaten oder in den nächsten 10 Jahren? Aber irgendwann werden wir um diese Streichung der Staatsschulden nicht herum kommen. Darüber sind sich eigentlich hinter en Kulissen die meisten einig. DWTV: Streichung heißt Weltwährung, oder was auch immer in der Art? Dirk Müller: Das würde auch bedeuten, dass unter Umständen ein neues Währungssystem damit einher ginge. Also eine weltweite Währung unter Umständen, vielleicht gegründet auf einem Korb von Rohstoffen, damit eine vernünftige Deckung dieser Währung da ist. Das Geld, womit wir im Moment bezahlen, da steht absolut nichts dahinter, außer pures Gottvertrauen. DWTV: Vielen Dank, Dirk Müller, dass sie bei uns waren.
