
Universität Oldenburg, Lehrstuhl für Unternehmensführung und betriebliche Umweltpolitik DW-TV: Ich begrüße den Volkswirt Niko Paech von der Universität Oldenburg. Ihr Lehrstuhl für Produktion beschäftigt sich auch mit Unternehmensführung. Was sagen Sie jetzt den Unternehmen, die Insolvenz anmelden? Hätten die vorher mal zu Ihnen ins Seminar kommen sollen? Niko Paech: Das alleine hätte wohl nicht genützt. Aber einige der Unternehmen, die jetzt Insolvenz anmelden müssen, hätten sich durchaus auf so ein Krisenszenario vorbereiten können. Erstens, weil diese Krise nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel in Erscheinung getreten ist, und zweitens, weil die ökonomische Krise, die daraus geworden ist, nicht nur zusammenhängt mit den finanzwirtschaftlichen Verwerfungen, sondern auch damit zusammenhängt, dass wir so etwas wie eine Ressourcenkrise haben. Das heißt also, die Rohstoffe werden immer teurer, insbesondere der Input-Faktor Energie. DW-TV: Die prominenteste Pleite derzeit ist die von Arcandor. Ein Konzern, der groß ist und auf Wachstum um jeden Preis gesetzt hat. Ist Arcandor auch daran gescheitert? Niko Paech: Ja, auf jeden Fall. Das Wachstumsparadigma erweist sich als krisenuntauglich, um sich vor den Folgen wirtschaftlicher, insbesondere finanzmarktinduzierter Krisen zu schützen. Es ist besser, flexibler zu sein, und nicht um jeden Preis auf Wachstum zu setzen. DW-TV: Weniger ist mehr, Niko Paech - ist das das neue Credo? Niko Paech: Ja. Selbst traditionell orientierte Ökonomen orientieren sich jetzt ein bisschen an der sogenannten Glücksforschung, deren wichtigstes Resultat darin besteht, dass Menschen nach Erreichen einer ganz bestimmten Einkommensgrenze durch weiteres Wachstum nicht noch glücklicher werden. DW-TV: Nun bringt Wachstum aber auch Arbeitsplätze und Wohlstand, und die Menschen in Deutschland sind gewöhnt an das Wachstum. Seit 1950 geht es immer nur aufwärts, wir wachsen - allein in den letzten 30 Jahren hat sich das Brutto-Inlandsprodukt verdreifacht. Das heißt, theoretisch gesprochen, jeder Bundesbürger kann sich dreimal soviel leisten. Wenn nun die Wirtschaft schrumpft, schrumpft dann auch das Glück? Niko Paech: Nein, das Glück schrumpft überhaupt nicht. Wer unter einer Lawine von Konsummöglichkeiten zu ersticken droht, verzichtet ja nicht, sondern befreit sich von unnötigem Ballast, der Geldzeitraum und nebenbei auch noch ökologische Ressourcen kostet. Und Arbeitsplätze kann man viel besser dadurch schaffen, dass man die vorhandene Erwerbsarbeitszeit umverteilt, statt durch Wachstum neue Jobs zu erzeugen. DW-TV: Wie genau sieht denn dann die Alternative aus? Wie wird sich unser Leben verändern? Müssen wir Verzichten lernen? Niko Paech: Was heißt Verzichten lernen, wir sollten unsere Gesellschaft und unsere Lebensstile einfach entrümpeln. Freimachen von den Dingen, die uns sowieso einfach nicht mehr glücklicher machen, sondern die ökonomisch nur teuer und ökologisch vielleicht schädlich sind. Auf diese Weise, man könnte das Motto ‚reduced to the max‘, das wir aus der Werbung kennen, hier anwenden. Auf diese Weise würden wir gleichzeitig möglicherweise etwas glücklicher, stressfreier, übersichtlicher Leben können und würden eben auch in einer Gesellschaft leben können, die kein Wachstum mehr braucht. DW-TV: Würden Sie denn mitmachen? Würden Sie die Uni an den Nagel hängen und vielleicht Gärtner werden? Niko Paech: Nein, ich würde mir meinen Job teilen, mit einer zweiten Person. Dann würden plötzlich zwei Jobs entstanden sein und die andere Hälfte der bisherigen Arbeitszeit würde ich im Garten verbringen. (Interview: Sandra Berndt)
