
DW-TV: Herr Gerke, wir haben jetzt motivierte Mitarbeiter gesehen, wir haben Firmen gesehen, die davon profitieren, dass sie Kapital bekommen, dadurch dass sie die Mitarbeiter am Unternehmen breteiligen. Man fragt sich: warum macht dies nur jedes 50. Unternehmen in Deutschland? Wolfgang Gerke: Es ist sicherlich ein großer Charme bei solchen Mitarbeiter-Beteiligungsgesellschaften. Es soll ja motivieren, und es soll Eigenkapital zuführen, relativ billiges Eigenkapital. Von daher sollten die Unternehmer ganz wild darauf sein, aber wir haben in Deutschland immer noch so einen gewissen "Pathos". Das heißt: Unternehmer, die im eigenen Unternehmen nicht gerne jemanden mitreden lassen. Das gilt auch für die eigenen Mitarbeiter. Insofern ist das bei uns nicht sehr populär. DW-TV: Schauen wir uns mal die verschiedenen Modelle an, die es gibt. Davon hängt auch zum Teil das Risiko ab. Mit Abstand am häufigsten werden Belegschaftsaktien ausgegeben -mit 70 Prozent der stärkste Kuchenanteil hier, dann mit 12 Prozent die stille Beteiligung, die Mitarbeiter geben dort zwar Geld, haben aber keinerlei Einfluss. Unter sonstiges verbergen sich 5 -7 weitere Beteiligungsmodelle. Welche der zwei Belegungsaktien, stille Beteiligung ist für die Mitarbeiter das Riskantere aus Ihrer Sicht? Wolfgang Gerke: Soviel ist sicher: all diese Beteiligungsformen verschaffen einem keine Stimmrechte. Es ist gar nicht so überraschend, dass die Belegschaftsaktien führend sind, denn da hat man Unternehmen vor sich, die ja schon viele Gesellschafter haben, die es also gewöhnt sind, dass auch andere mitbestimmen wollen, wo der Kurs hingeht, und die sich dann auf der Hauptversammlung vor den Aktionären rechtfertigen müssen. Und das macht man vielleicht vor den eigenen Mitarbeitern manchmal lieber als vor fremden Aktionären. Man muss aber eins sagen: all diese Modelle beinhalten ein sehr, sehr hohes Risiko für die Arbeitnehmerschaft. Die Arbeitnehmerschaft hat ja das Jobrisiko - und dem wird jetzt das Kapitalrisiko hinzugeführt. DW-TV: Sie meinen, wenn die Firma Pleite geht? Wolfgang Gerke: Wenn die Firma Pleite geht, oder es muss gar nicht so schlimm kommen, wenn die Firma schlechte Geschäfte macht, der Kurs sinkt, und man verliert womöglich, weil rationalisiert wird, seinen Job, dann ist man auf zwei Seiten geschädigt. DW-TV: Aber im guten Fall hat man natürlich auch mehr Geld in der Tasche, weil man am Gewinn mitbeteiligt ist? Wolfgang Gerke: Das ist immer so! Es ist eine Verteilung mit Chancen und Risiken, aber das Risiko hier kann man durch Streuung vernichten, und wir alle wissen, dass die modernen Kapitalmarkttheorien wirklich jedem allmählich beigebracht haben, dass man nicht alle Eier in ein Nest legen soll! DW-TV: Das heißt, lieber am Aktienmarkt in mehrere Unternehmen investieren, die man dann natürlich nicht so gut kennt? Wolfgang Gerke: Ja, aber lieber von Profis in einen gut gestreuten Fond hineingeführt werden, als vom eigenen Unternehmer wohlmöglich ins Verderben geführt werden. Wir haben in Amerika traurige Fälle gesehen, wo, beispielsweise der Chef von Enron seine eigenen Aktien verkauft hat und gleichzeitig seinen Mitarbeitern empfohlen hat, für die Altersvorsorge auch noch Enron-Aktien zu kaufen. Und wir wissen das: Enron war ein Riesenbetrug, die Mitarbeiter haben Ihren Job zum großen Teil verloren und das Kapital und die Altersvorsorge erst recht. DW-TV: Gut, da war natürlich auch noch kriminelle Energie im Spiel! Sinn von solchen Teilhaberschaften ist ja aber auch, die Brücke zu schlagen zwischen Kapital und Arbeit, also Unternehmer und Arbeitnehmer näher zusammen zu bringen. Das tut doch einem Unternehmen auch gut? Wolfgang Gerke: Das tut der Gesellschaft vor allen Dingen gut, das brauchen wir, aber wir müssen da bessere Wege finden. Wir brauchen in Deutschland ganz dringend eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung am Produktivvermögen, aber dann gut gestreut, bitte! DW-TV: Was heißt das? Wolfgang Gerke: Das heißt, nicht in ein Unternehmen hinein und schon gar nicht in das Unternehmen, wo ich beschäftigt bin. Es sei denn, ich habe so viel Platz, um Risiko zusätzlich einzugehen. Sondern das heißt in meinen Augen, dass man eben vorsichtig in Fonds erst einmal anfängt, und sich dann selber seinen Aktien-Portfolio zusammenstellt. Insbesondere müssen wir die Altersvorsorge, dazu nutzen, dass man höherverzinslich spart. Und das heißt: in Aktien sparen, gut gestreut und international. Interview: Katrin Prüfig
