
Dirk Martin ist Bundesvorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer. DW-TV: Herr Martin, würden Sie, angenommen Sie hätten ein Schloss, es verkaufen, um das Unternehmen zu retten? Dirk Martin: Ich glaube, das macht jeder Familienunternehmer, weil wir die komplette Haftung und Verantwortung für das, was wir tun tragen, sodass sich diese Frage wahrscheinlich nicht stellen würde. Wir würden das natürlich einbringen, um das Unternehmen zu retten. DW-TV: Sind die mittelständischen Unternehmer alle wie Ernst Prost und ist er gar keine Ausnahme? Dirk Martin: Ich glaube, wenn es einem Unternehmen wirklich schlecht geht, und man diese persönliche Verbindung zu den Mitarbeitern hat, wird man alles tun, um dieses Unternehmen zu retten. Und wenn das am Ende bedeutet, dass man sich von einem Luxusobjekt trennen muss wie von so einem Schloss. Ich glaube, das werden sehr, sehr viele tun, ob es alle tun, das kann ich nicht sagen. DW-TV: Wer haftet dann bei den großen Konzernen? Dirk Martin: Das ist ja genau die große Frage. Diejenigen, die die Unternehmensleitung haben, die werden aus der Haftung komplett heraus genommen. Diejenigen können sich durch Versicherungen freischalten, sie werden von dem Aufsichtsrat freigestellt, so dass genau das Problem, das man heute hat bei den großen Banken, den großen Unternehmen hat, entsteht. Die Probleme sind dort deshalb gekommen, weil keiner für das Thema haftet. Und das sind die Auswirkungen. DW-TV: Nicht keiner, sondern der Steuerzahler. Warum ist das so? Das ist doch eine Schieflage! Dirk Martin: Weil letztendlich viele Politiker an die nächste Wahl und nicht an die nächste Generation denken. Und deshalb sind sie einfach der Meinung, sie müssten so ein Unternehmen unterstützen, weil da sehr viele Arbeitsplätze dran hängen und dann können sie das letztendlich nur mit Steuergeldern tun. Und das verneinen wir natürlich. DW-TV: Muss man da gesetzlich was ändern? Muss man die Eigentümer, die Manager mehr in Haftung nehmen? Dirk Martin: Grundsätzlich sollten die Eigentümer komplett in der Haftung sein, weil das normalerweise so läuft. Bei den Managern ist es genau das, was wir auch fordern. Dass dort die Haftungsfrage anders aufgestellt wird. Dass wirklich der Manager, wenn er eine große Entscheidung trifft, auch dafür haften muss, wenn es schief läuft. DW-TV: Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist es nicht richtig, Staatsbürgschaften zu übernehmen, weder für Opel noch für Heidelberg-Druck? Dirk Martin: Für Opel ist es ganz klar. Da hat in den letzten 10 Jahren das Management schlecht gearbeitet, die Kunden, und das ist ja das Fatale daran, haben sich für andere Autofabrikanten entschieden. Und müssen heute, nachdem sie sich für andere Qualität entschieden haben, als Steuerzahler wieder dafür bürgen. Und das geht überhaupt nicht. Dasselbe gilt für Heidelberg-Druck, auch da ist schlecht gemanagt worden. Von der Seite haben wir schon Probleme damit, wenn die Steuerzahler für so etwas verwendet werden. Denn die Gewinne werden privatisiert und die Verluste sozialisiert und das darf eigentlich nicht sein in einer Marktwirtschaft. DW-TV: Wie sollte es denn Ihrer Meinung nach sein? Dirk Martin: Es ist ganz klar so, wenn falsch gewirtschaftet wird, muss dafür auch die Konsequenz getragen werden. Es ist nun einmal auch ein Thema der Strukturanpassung, wie bei Opel: Es gibt Überkapazitäten und wenn wir den Markt retten wollen und wenn wir auch zukunftsfähige Arbeitsplätze haben wollen, dann müssen wir uns auch auf diese Strukturanpassung einlassen. Und das bedeutet, dass man Opel schrumpfen lassen muss und das fordern wir auch. Dieses Schrumpfen würde automatisch erfolgen, wenn man keine Steuergelder zur Verfügung stellt. DW-TV: Die Europawahl haben wir gerade hinter uns. Die Bundestagswahl haben wir vor uns. Würden wir gerade überhaupt über Staatshilfen sprechen, wenn wir nicht in einem Wahljahr wären? Dirk Martin: Ich glaube, diese Diskussion würde anders ablaufen, weil am Ende des Tages ist es ja so, dass das Gelder sind, die ja gar nicht vorhanden sind. Der Staat muss sich verschulden, um diese Steuergelder zur Verfügung zu stellen. Und ich glaube, das macht er nur, um sich beim Wahlvolk positiv darzustellen. Und deswegen sagen wir: Die denken an die nächste Wahl und nicht an die nächste Generation. Die muss es dann leider zahlen, weil die Schulden von heute sind die Steuern von morgen. Leider werde ich sehr wahrscheinlich irgendwann darunter leiden. DW-TV: Das klingt gerade alles nicht so schön. Herr Martin, mal ganz ehrlich, wenn Sie als Jungunternehmer gerade vor der Entscheidung stünden, Sie wollen ein Unternehmen gründen, würden Sie es tun oder nicht? Dirk Martin: Ich bin immer noch ein positiver Mensch und würde sagen, wenn ich eine gute Idee habe, dann sollte ich es auf alle Fälle tun. Aber man sollte teilweise kleiner anfangen und nicht gleich groß denken und sich groß verschulden. Sondern man muss sich "step by step" das Geld einfach verdienen und dann, denke ich, wird das auch klappen. Interview: Anja Heyde
