So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Welche Botschaft gibt uns Matthias Claudius mit auf den Weg? Ist es unser gutes Recht, Sachen zu belachen, die wir nicht sehen, also nicht verstehen? Jeder von uns war schon blind für bestimmte Dinge, glaubte naiv oder felsenfest überzeugt mit einem Blick alles zu erfassen, ging leicht darüber hinweg - ob nun aus Zeitmangel, Oberflächlichkeit oder gar Ignoranz. Da leuchtet ein Ding, ein Mensch nur halb, es gibt nur eine schwache Wahrnehmung. Haben wir ein Recht, dies zu übersehen? Wenn wir uns damit beschäftigen, kommt bisweilen die ganze Strahlkraft zum Vorschein, die sonst im Schatten liegt. Oder - viele zeigen oft nur ihre Sonnenseite, verbergen ihr wahres Wesen, auch hier ist genaueres Hinsehen, ist Aufmerksamkeit gefragt. Was der eine oberflächlich belacht, ist für den anderen ungemein wichtig und er wünschte sich mehr Achtsamkeit, eine komplexere Sicht vom anderen. Von einem winzigen Teil, vielleicht sogar nur einer Äußerlichkeit, kann man noch nicht aufs Ganze schließen, ein ungemein wichtiger Punkt bei menschlichen Begegnungen -- das Offensein für das Anderssein des oder der Menschen. Aber gut wiederum auch, dass wir über bestimmte Sachen unbeschwert oder getrost lachen können, ohne sie groß zu hinterfragen und nicht umsonst sagt man, Schadenfreude sei die schönste Freude, unterscheidet sie sich allerdings von der Häme, die nicht nur Oberflächlichkeiten belächelt, sondern das komplette Ganze außer Acht lässt und sogar in Frage stellt. Man kann Claudius' Abendlied aber auch parodieren, fortschreiben in der Gegenwart, wie Peter Ruehmkopf in seinen Variationen auf ein ‚Abendlied' oder wie es eine Karikatur von Waechter zeigt, nämlich ein Frosch mit angezogenen Knien, der sich mit seinem Rücken an einen kleinen Vogel lehnt. Und dazu dichtete Waechter: "Seht ihr den Frosch dort sitzen? / er muss sich etwas stützen / und ist doch stark und schön / so sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, / weil wir sie besser nicht versteh'n." Claudius mahnt also zu genauem Sehen, die Botschaft, die er an seine Zeitgenossen richtete, bleibt auch heute für uns interessant -- es gibt mehr, als wir zu sehen glauben oder mit den Worten von Antoine de Saint-Exupery: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Zum Schluss möchte ich Sie gerne noch zu einer Bildbetrachtung einladen, zu einer Augenreise oder einer Bildmeditation. Versetzen Sie sich hinein in das Paar, das in die Betrachtung des Mondes versunken ist. Vielleicht kommt Ihnen diese Situation bekannt vor -- ein abendlicher Waldspaziergang im Urlaub oder am Wochenende führt sie auf eine Anhöhe. Der Weg war beschwerlich, weil sie im Dunkelwerden nicht mehr richtig die Baumwurzeln sahen, vielleicht gestolpert sind -- nun, angekommen, stützen Sie sich auf ihren Partner und haben sofort jegliche Anstrengung vergessen für jenes Schauspiel, das sich ihren Augen bietet: Eine strahlende Mondsichel, der Mond in seiner zunehmenden Phase, zu dem sich rechts darüber der Abendstern gesellt hat. Es ist der Planet Venus, der morgens, kurz vor Sonnenaufgang als Morgenstern oder abends, kurz nach Sonnenuntergang als Abendstern beobachtet werden kann. Direkt im Zentrum des Bildes befindet sich die Mondscheibe, Trost verheißend. Dazu die immergrüne Fichte als Zeichen christlicher Hoffnung, unter der das Paar als Ruhepol im Bild steht. Und doch nimmt uns nicht nur die atmosphärische Himmelserscheinung gefangen, unser Blick richtet sich beunruhigt nach rechts, auf die schräg ins Bild gesetzte, nahezu entwurzelte, reich verästelte Eiche. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie tot in das Tal sinkt, vielleicht noch gestützt von dem mächtigen Stein des benachbarten Hünengrabes. Von Vergänglichkeit zeugt auch der kleine Baumstumpf links auf der Anhöhe, genau in der Mitte unterhalb des Paares. Die Naturelemente spiegeln das Werden und Vergehen, das der Mond ebenso in sich trägt. So impliziert die feierliche Stille zugleich Unruhe, Unheil. Kein Weg führt ins Tal - ist das Paar oder einer der beiden am Ende seines Lebensweges angelangt? Es ist nicht unhöflich vom Maler des Bildes, dem Romantiker Caspar David Friedrich, dass er uns nur die Rückenfiguren zeigt und es liegt auch nicht daran, dass man ihm unterstellte, keine Figuren malen zu können, sondern nur Landschaften -- nein, es ist ein Trick, uns in die abendliche Landschaft hinein zu locken, wir sind mit im Bild. Und wen es interessiert -- es handelt sich hier um ein Selbstbildnis des Künstlers mit seiner Frau, gemalt um 1832. Jahre zuvor malte er in Dresden bereits ein ähnliches Bild, zwei Männer in Betrachtung des Mondes, wieder ein Selbstbildnis, diesmal mit einem früh verstorbenen Schüler.