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  • Sigrid Otto: "Sachen, die wir getrost belachen" - 1

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Sigrid Otto: "Sachen, die wir getrost belachen" - 1

Liebe hier versammelte Gemeinde, verehrte Anwesende, welche Gedanken haben mich bewegt bei der Beschäftigung mit der 3. Strophe des ‚Abendliedes' von Matthias Claudius? Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wussten Sie, dass das evangelische Magazin Chrismon eine Umfrage nach dem schönsten Volkslied veranstaltet hat und dass „Der Mond ist aufgegangen" den ersten Platz belegte, ja, dass vom ersten Tag an das zweihundert Jahre alte Lied vom Mond vorn lag, das ursprünglich in der Kirche gesungen wurde und noch wird? Der Mond selbst ist nicht nur täglich am Himmel in seinen wechselnden Phasen zu sehen, er hat auch mich in verschiedenen Lebensphasen begleitet. Oft wanderte des Nachts mein Blick zum Himmel und zuverlässig war er immer dort zu finden -- ob als schlanke Mondsichel, als blanker Halbmond oder als strahlender Vollmond. Ihm stellte ich mitunter für mich unlösbare Fragen -- eine Antwort gab es nie, aber sein Anblick tröstete mich darüber hinweg. Seine sich wandelnde Gestalt war mir irgendwie sympathisch, denn auch wir sind nicht immer ‚voll' da, fühlen uns ohne die geliebte Person oft nur halb oder befinden uns hin und wieder im Zustand des körperlichen Ab- oder Zunehmens. Als Kind fragte ich mich, warum hat der Mond manchmal einen Hof? Diese Himmelserscheinung fasziniert mich immer wieder, ähnelt sie doch einem Heiligenschein, doch eine genaue Antwort weiß ich bis heute nicht. Oder, wie oft sagte jemand schon zu mir -- mein Gott, lebst du hinterm Mond? Auf dem Mond kann man nicht leben, wie wir inzwischen wissen, auch wenn die Redewendung, den oder die könnte man am liebsten auf den Mond schießen, gang und gäbe ist. Als kleines Mädchen versuchte ich mit dem Mond um die Wette zu rennen, doch ich konnte ihn nicht einholen. Ich rannte quer durch den Ort, nahm verschiedene Positionen ein, doch er stand hoch oben am Himmel, unverrückbar und verschwand nie -- er war irgendwie nicht zu fassen. Genauer unter die Lupe wurde der Mond in diesem Jahr am 21. Februar genommen, denn da war eine totale Mondfinsternis zu beobachten -- die letzte für mehr als sieben Jahre in Mitteleuropa. Der nächste Vollmond dagegen kommt bestimmt. Regelmäßig alle 28 Tage erscheint er am Nachthimmel und lässt viele mit seiner intensiven Strahlung schlecht schlafen, denn je mehr Licht, desto weniger wird das Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet. Am 16. August, knapp vor Mitternacht, ist es wieder so weit: Sonne und Mond stehen sich gegenüber, die Erde dazwischen. Wer mag, bestellt sich ein Vollmondmemo, ein kostenloser Service per E-Mail, der Sie daran erinnert: „Morgen ist Vollmond". Mehrere tausend begeisterte User gibt es bereits. Wer der Elektronik nicht traut, vertraut dem Mondkalender. Dieser steht bei meiner Kosmetikerin auf dem Empfangstresen und empfiehlt für jeden Tag, was man in der jeweiligen Mondphase tun oder lassen sollte, denn bekanntlich beeinflussen die Mondphasen das irdische Wachstum und sollen in Zusammenhang mit der weiblichen Fruchtbarkeit stehen. So erfährt man z.B. Gesundheitstipps oder günstige Zeiten zum Haare schneiden. Heute, am 31. Juli, steht der Mond im Sternzeichen Krebs. Am Himmel ist die abnehmende Mondphase, das 4. Viertel, zu beobachten. Die auf einer silberweißen Mondsichel stehende Mondgöttin hat nun die Gestalt einer alten, weisen Frau. Der Legende nach hat sie drei Gesichter, das einer Jungfrau bei zunehmendem Mond und das einer fruchtbaren bzw. schwangeren Frau bei Vollmond. Der Mond, la Luna, ist weiblich, er verkörpert das Yin in China, gilt als mild und anlehnungsbedürftig, während die Sonne, das Yang, männlich gedeutet wird, sie hat die Kraft selbst aus sich heraus zu leuchten. Mitunter wird der Mond als Frau oder Geliebte der Sonne dargestellt. In der griechischen Mythologie ist Selene mit dem Halbmond über der Stirn Schwester und Geliebte des Sonnengottes Helios mit der Strahlenkrone. Im indianischen Glauben präsentiert der Mond die ‚Nachtsonne', denn er wird von der versunkenen Sonne angestrahlt und leuchtet nicht von selbst. Schon bei Shakespeare ist zu lesen: „Ein Erzdieb ist der Mond, da er wegschnappt sein blasses Licht der Sonne." Der Sonne wird übrigens das Element Feuer und dem Mond die Elemente Erde und Wasser zugeordnet. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön!

YouTube | August 3, 2008Watch more videos from YouTube

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