
Lange galt die Schrottbranche als Boom-Zweig der Wirtschaft. Und das weltweit. Doch damit ist es nun vorbei. Wegen der Wirtschaftskrise fahren Fabriken ihre Produktion zurück, in der Stahlindustrie etwa um die Hälfte. Die Folge: der Preis für Schrott ist rapide in den Keller gegangen. Die Folgen spüren auch jene, die vom Schrott leben. Etwa der Binnenschiffer Thiebes: ein knorriger Mosel-Schiffer, der mit seiner Familie auf dem eigenen Schiff, der MS "Luma", lebt. Seit Jahrzehnten fährt er Schrott von Deutschland nach Frankreich und zurück. Anders als die Kollegen liebt er Schrott, hat sich darauf spezialisiert und machte bislang gute Geschäfte. Doch nun ist der Markt zusammengebrochen, Thiebes hat immer weniger Fahrten. Die "Luma" liegt immer häufiger im Trierer Hafen. Wie erlebt der Schiffer den Abschwung? Wie kann er sich umstellen? Was bedeutet die "Schrottkrise" für seine Familie. Paula Henfling hat ihn auf seinem Schiff besucht. __________________________________ Immer die Nase im Wind, für Schiffer Klaus Peter Thiebes ist das das wichtigste. Im Hafen von Trier liegt die "Luma" - sein schwimmendes Familienunternehmen. Die 5. Generation packt inzwischen mit an: die Söhne. An Bord ist Thiebes gleichzeitig Familienoberhaupt und Firmenchef. Seine Erfahrung mit dieser Rolle schildert er so: "Der eine ist Schiffsjunge in der Lehre, der lässt sich nichts sagen. Der andere will den großen Mann markieren." Das aber ist das geringere Problem. Thiebes große Sorge ist der Schrott. Diese Fracht transportiert der Binnenschiffer am häufigsten. Gerade wird die Luma mit 2000 Tonnen beladen - für ein Stahlwerk in Frankreich. Doch die Fahrten werden seltener. Thiebes Umsatz ist um ein Drittel gesunken, weil die Speditionsunternehmen immer weniger Aufträge verteilen. Er beklagt sich: "Jeder will ja fahren. Und die wissen das genau, die Spediteure oder Verkäufer: da ist zu viel Leerraum. Da wird dann gefragt und irgendeiner macht es dann billiger. Und so wird es immer weniger. Unter Deck: Ehefrau Hilde. Dass das Geld knapp wird, merkt sie nicht nur an der Haushaltskasse sondern auch bei der Buchhaltung für die Firma. Investitionen müssen verschoben werden. Sie sagt: "Wir haben zum Beispiel letztes Jahr einen Propeller bestellt, der jetzt im Mai geliefert. Jetzt müssen wir sehen, dass Geld zusammen kriegen. (Frage im Off: was kostet der denn?) Um die 20.000 Euro. Und das haben wir letztes Jahr angespart und waren auch stolz, die Bank hat schon angerufen, die wollte es schon verzinsen. Und dann haben wir gesagt: nein, wir brauchen das für den Propeller im Mai. Und jetzt ist das geld so gut wie weg, weil wir davon das Schiff unterhalten und leben mussten." Der Schrott, den Thiebes auflädt, stammt von einer Recyclingfirma hier im Hafen. Das Unternehmen trennt den Schrott, um ihn als Rohstoff an die Stahlindustrie zu verkaufen. Noch vor kurzem ließ sich mit Schrott gut verdienen. 400 Euro kostete eine Tonne im Sommer 2008 - jetzt sind es noch 100. Einkaufleiter Jörg Schneider weiß zu berichten: "Seit Herbst letzten Jahres ist es ein ganz massiver Einbruch bei der Nachfrage nach Stahlschrott, aber auch bei Metallen ist es ähnlich. Wir haben einige Werke, die nur noch bei 25% der normalen Beschäftigung liegen." Viele dieser Stahlwerke, die Kunden, haben auf Kurzarbeit umgestellt: sie produzieren weniger und brauchen kaum Schrott. Deshalb geht der jetzt auch nach Indien oder Pakistan - bislang hat sich das gegenüber dem EU-Markt nicht gelohnt. Dazu Jörg Schneider: "Wir sind gezwungen, auch unabhängig vom Preis die Exportschiene zu nutzen, weil eben der Absatzengpass hier in Europa so groß geworden ist, dass uns gar keine Alternative bleibt. Zurück auf der "Luma" bei den Thiebes. Zeit für die Familie haben sie jetzt mehr als früher. Zwischen den Fahrten liegen oft mehrere Tage. Thiebes hat Schiff und Geschäft Anfang der 90er Jahre von seinen Eltern übernommen. Seitdem geht es die Mosel hinauf und wieder hinab. Mit Schrott hat er jahrelang gut verdient, jetzt denkt er darüber nach umzustellen: auf Getreide oder Kohle. Aber auch diese Frachten werden knapp. Klaus-Peter Thiebes über die schwere Aufgabe: "Man muss ja erst mal drankommen." Und auf die Nachfrage, ob das nicht so einfach geht: "Nein, in Rotterdam liegen 20 Schiffe leer rum, die liegen manchmal 8 Tage. Jeder will ja laden. Wenn da was frei ist an Kohle, werden die zuerst mal versuchen, das zu bekommen." Eine Wohnung an Land haben die Thiebes nicht. Und auch keinen Plan B, falls die Krise anhält. Hilde Thiebes sagt dazu: "Wir hoffen einfach, dass es besser wird. Wir lassen uns nicht unterkriegen, es muss weitergehen. Das ist alles, was wir haben. Das ist unsere Existenz. In 2 Tagen wird die Luma den Schrott im französischen Stahlwerk abliefern. Für die Zeit danach gibt es erst einen Auftrag. Immerhin.
