
15. Januar, der Tag, an dem Nokia das Aus für sein Werk in Bochum bekannt gab und das erste Testhandy fertig gestellt wurde. Die Folge: 2300 Nokia-Beschäftigte in Bochum werden arbeitslos, bei Zulieferern und Dienstleistern könnten noch einmal bis zu 2000 Menschen betroffen sein. Und das, obwohl der deutsche Staat, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum das Werk mit insgesamt 88 Millionen Euro subventioniert haben. Doch die Auflagen für die Subventionen sind vor gut einem Jahr ausgelaufen - und so sucht sich Nokia einen neuen Standort, der mit neuen Subventionen aufgebaut wurde. Dass die Infrastruktur des rumänischen Industrieparks mit EU-Mitteln gefördert wurde, ist klar - und legal. Noch unklar ist, ob und welche Subventionen aus dem rumänischen Staatshaushalt, der durch EU-Mittel kräftig aufgestockt wird, für das Nokia-Werk direkt gezahlt wurden. Und das wäre unzulässig. Made in Germany sieht sich im rumänischen Cluj um und spricht dort mit Verantwortlichen - und zeigt, wie in Bochum der Betriebsrat des Nokia-Werks und Politiker gegen den "Karawanenkapitalismus" und für die Zukunft des Standorts kämpfen. Ein Bericht von Vanessa Fischer und Andreas Hewel . ------------------------------------------------------------------- Noch ist er etwas matschig, der Weg in Rumäniens Zukunft. Hier aber in einem trockengelegten Sumpfgebiet, soll es entstehen, Nokia-Village. Stolz reden die Rumänen dort im Kreis Cluj schon vom "Mekka der Elektronik". Immerhin ist es inzwischen das dritte Industriegebiet, das in der Region aufgebaut wird. Dies hier aber soll das bedeutendste werden und er hat es mit voran getrieben, Marius Nicoara, Präsident des Kreisrates von Cluj. Der einstige Banker hofft auf einen Wirtschaftsboom durch die Finnen. Allein im Handyproduktionswerk, das Nokia hier aus dem Boden stampft, sollen 3500 Menschen Arbeit finden. "Ja, natürlich ist das ein Lieblingsprojekt hier", sagt Marius Nicoara. "Es ist das größte Projekt in dieser Region." Denn Nokia will mehr als nur das Werk. Auf den insgesamt 90 ha sollen auch Zulieferfirmen hinkommen und Hotels und Wohnungen. Nokia-Village eben. Der Staat hilft, wo er kann. In die Straßen, den Gas- und Stromanschluss und die Kanalisation hat Rumänien 30 Millionen Euro investiert. Rumänisches Geld, keine Fördermittel aus der EU, wie Nicoara vor der Presse immer wieder betont. Marius Nicoara: "Es wurde viel spekuliert, dass wir EU-Fördermittel für den Bau dieses Werkes eingesetzt hätten. Nein, das stimmt nicht. Das Geld, das hier dem Werk zugeflossen ist stammt von der rumänischen Regierung." In Bochum zieht derweil ein Sturm der Entrüstung zum Rathaus. Protestveranstaltung mit der Wirtschaftsministerin. Christa Thoben will prüfen, ob Nokia etwas zurückzahlen muss, von den knapp 90 Millionen Euro, mit denen das Land Nordrhein Westfalen und der Bund den Konzern hier subventioniert haben. Wie viele Politiker echauffiert auch sie sich in diesen Tagen vor der Presse. Wir fragen Christa Thoben: "Nun ist die Tatsache, dass Nokia nach Rumänien geht ja eigentlich der normale Wettbewerb innerhalb der europäischen Union Warum steht Nokia aus ihrer Sicht jetzt so sehr am Pranger?" Die Antwort der Wirtschaftsministerin Nordrhein Westfalens: "Das hat einen ganz einfachen Grund, ich habe es auch schon gesagt - wir dürfen nicht sagen es darf überhaupt keine Art von Betriebsverlagerung geben - es kann Situationen geben wo sich eine Produktion auch verschiedensten Gründen hier nicht mehr rentiert aber genau dieser Fall, den gibt es ja bei Nokia nicht das Unternehmen war profitabel am Standort Bochum und sagt dann knall auf Fall Tschüss. Und das ist eine Verhaltensweise, die beschädigt das Ansehen unserer gesamten Wirtschaftsordnung." Moralische Appelle und viel Medienrummel im Rathausaal. Die Beschäftigten von Nokia, um die es bei dieser Veranstaltung eigentlich geht, wirken eher wie Zaungäste. Draußen macht die Gewerkschaft mobil. Nokias Argument, die Deutschen Arbeiter seien zu teuer will sie nicht gelten lassen. "Wie hoch ist denn der Anteil der Lohnkosten eines Arbeiters an einem Handy", fragen wir Ulrike Kleinebrahm von der IG-Metall: "Der liegt hier in Deutschland je nach Handytyp, weil sie sind ja auch unterschiedlich teuer wie sie wissen liegt der Lohnkostenanteil bei unter fünf Prozent und es gibt Handytypen da liegt der echt bei einem Prozent", so Kleinebrahm. Wieder zurück in Rumänien. Das Dorf Jucu grenzt an Nokia-Village. Für die Menschen hier ist das Werk des finnischen Konzerns ein Segen. Direkt vor der Haustür haben viele die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen. Eine Dorfbewohnerin zum Beispiel hat bislang pro Monat nur umgerechnet 80 Euro verdient. Jetzt hat sie bei Nokia eine Stelle bekommen. "Ich bekomme im Monat 833 Ron", sagt sie. "Das sind 220 Euro. Da bin ich glücklich bei Nokia zu arbeiten. Der Lohn hier ist viel höher, als der, den ich bei meiner Firma früher in der Stadt bekam. Es ist nah an meinem Zuhause und es gibt einen kostenlosen Bus." Ihr Mann dagegen hat sich nicht bei Nokia beworben. Das ist für ihn nicht attraktiv. "Ich verdiene jetzt schon wo anders sehr gut. Mein Gehalt ist viel höher als das, was man bei Nokia verdient", erzählt er uns. Das Gehalt seiner Frau brauchen sie also nur als Ergänzung. Und auch der kleine Hof hilft beim Leben. Anders ginge es auch nur schwer. Denn wenn auch der Monatslohn von Nokia mehr ist als woanders, mit 220 Euro im Monat liegt er immer noch unter der Armutsgrenze in Rumänien. Denn im Durchschnitt verdient man hier rund 450 Euro. Die sind auch notwendig, denn das Leben ist nicht billig. Benzin zum Beispiel kostet fast soviel wie in Deutschland. Und in der Kreisstadt Cluj müssen für eine Einzimmerwohnung schnell 200 Euro und mehr gezahlt werden. Ein Nokiagehalt ist da einfach zu wenig. Das ist doppelt bitter für die Nokianer in Bochum. Mit Gehältern, von denen man in Rumänien nicht einmal leben kann, können sie erst recht nicht konkurieren. Die finnischen Chefs macht hier dicht - daran zweifeln sie nicht mehr. "Resignation ist ein guter Begriff", sagt ein Nokia-Mitarbeiter. "Und teilweise sind die Leute jetzt - vielleicht ist es aber auch Eigenschutz - ein bisschen sarkastisch jetzt. Bei uns sind keine Finnen mehr im Werk. Ich weiß nicht wo sie sind...Es gab mal Finnen im Werk, sehr wahrscheinlich gibts hier Notausgänge..." Der Ausverkauf hat schon begonnen: Zum Schichtwechsel wittern Vertreter von Rechtsschutz-Versicherungen ihre Chance auf neue Geschäfte. Es bleibt ja noch die Hoffnung auf eine hohe Abfindung. Von dem Nokiawerk in Rumänien wiederum profitieren nicht nur die Anwohner dort. Denn zuerst wird gebaut. Nokia will insgesamt rund 60 Millionen Euro investieren. Den größten Brocken davon, einen Auftrag in Höhe von 40 Millionen, erhielt das Bauunternehmen Goldbeck aus Bielefeld - ein Katzensprung von Bochum entfernt. Erfolgreich hatte das Unternehmen die internationale Konkurrenz ausgestochen und die kam aus Rumänien und Skandinavien.
