
Der Bio-Boom reißt nicht ab, immer mehr Menschen wollen ökologisch erzeugte Lebensmittel. Der Markt wächst, aber die Anbaufläche in Deutschland können den Bedarf nicht decken. Nicht nur Kaffee und Reis, auch Äpfel und Wurst reisen deshalb um die halbe Welt. Doch was hat das noch mit Umweltschutz zu tun? Die Firma Agrar-Teg, ein Projekt der Universität Göttingen, hat ein Zertifikat entwickelt mit dem die Klimabilanz von Lebensmitteln geprüft werden kann. Erfasst werden dabei alle Produktionsschritte und Transporteinheiten bis zum Verbraucher. So kann die erzeugte CO2-Menge ermittelt werden. MADE IN GERMANY besucht den Produzenten Ökoland, dessen Wurst mit dem neuen Siegel ausgezeichnet wude. Autor: Grit Hofmann ___________________________________________ Die Biobratwurst: Sie besteht aus 90% Schweinefleisch, Gewürzen und Wasser. Und sie ist "klimaneutral". Deswegen erhält sie das Siegel mit der Aufschrift "stop climate change". Ausgedacht haben sich das Siegel Marco Lange und seine Kollegen vom Unternehmen AGRA-TEG: "Das Siegel sagt einfach aus, dass diese Produkte klimaneutral herstellt, transportiert und verpackt worden sind." Klimaneutral heißt CO2-arm. Marco Lange prüft, ob Produkte dieses Siegel wert sind. Das sind sie, wenn für deren Herstellung und Transport nur wenig Treibhaus-Emissionen anfallen. Denn alles lässt sich nicht vermeiden. Für die restlichen CO2-Ausstöße muss der Produzent Umwelt-Zertifikate kaufen. Der Superwurst-Hersteller etwa zahlt für eine Windkraft-Anlage in Indien. Wie ein Hersteller die Ausstöße mindern kann, zeigt ihm Lange. Auf einem Bauernhof in Niedersachsen kontrolliert er alle Energiequellen und berechnet daraus die CO2-Emission des Fleischs. Die Wärmelampen für die Ferkel sind bei ihm ganz oben auf der Kontrollliste. Marco Lange: "Man schaut, ob neuartige Technik und neuartige Lampen eingesetzt werden, um ableiten zu können, ob hier der Stromverbrauch reduziert werden kann. Pro Ferkel sozusagen, pro Mastschwein, pro kg Fleisch im Endeffekt." Der Energieverbrauch hängt sogar am Futter. Je nach Getreide muss der Bauer viel oder wenig bewässern, seine Traktoren laufen entsprechend oft. Der Biobauer Peter Emmerich hat ein reines Umwelt-Gewissen: "Energie kostet Geld. Sparsam damit umzugehen, ist Ziel jeden Tag. Das fängt damit an, den Lichtschalter, wenn die Stallarbeit beendet ist, auszumachen. Aber im Großen und Ganzen lebe ich in der Sicherheit, dass der ökologische Landbau einfach durch seine Bewirtschaftung, durch die Vermeidung von Pflanzenschutzmitteln, keinen Zukauf von Dünger, nicht klimaschädlich handelt." Doch nicht alle Bioprodukte vom Bauern nebenan haben eine gute CO2-Bilanz, wenn sie gelagert werden, um auch außerhalb der Saison noch frisch zu sein. Ein Produkt aus Übersee kommt manchmal sogar besser weg. Marco Lange von AGRA-TEG erklärt, dass auch ein Apfel aus Argentinien das Siegel bekommen würde: "Weil noch nicht schlussendlich bewiesen ist, dass ein Apfel aus Argentinien wirklich klimaschädlicher ist als ein Apfel, der hier regional in Deutschland produziert wurde. Und ich hoffe, wir können unseren Teil dazu beitragen noch Aufklärungsarbeit zu leisten." Auch ganze Unternehmen können als "klimaneutral" ausgezeichnet werden. Lange besucht den größten Naturkost-Händler in Göttingen und misst die Firmen-CO2-Bilanz. Dabei zählen Verpackung, Strom fürs Büro sowie für die ständig laufende Kühlung. Und sogar die persönliche CO2-Bilanz der 140 Angestellten. Björn Johannson-Pieschl, Logistikleitung von Naturkost-Elkershausen: "Diese 140 Beschäftigten, die in der Region um Göttingen leben, fahren mit dem Auto, Fahrrad oder der Bahn. Wir haben uns die Mühe gemacht zu schätzen, wie kommt der denn hierher? Regelmäßig, nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig. Und haben das mit einbezogen in die Studie." 400.000 Liter Diesel verbraucht der Händler pro Jahr. Das trübt seine CO2-Bilanz enorm. Er muss besonders viele Emissions-Zertifikate kaufen. Das lohnt sich trotzdem für ihn. Das Etikett "klimafreundlich" ist eine gute Werbung! Im Bioladen ist das neue Siegel unbekannt, eines von vielen Öko-, Bio- und Gütesiegeln. Der Kunde verliert den Überblick, das weiß auch der Macher des Klima-Logos. Marco Lange: "Ich denke, das Siegel ist etwas, was frisch ist, das den Nerv der Zeit auf jeden Fall trifft. Die Entwicklung wird zeigen, inwieweit der Endverbraucher dieses neue Label, noch ein Label, annimmt." Frisch eingetroffen, Forellen. Sie braucht kein Label. Sie haben eine hervorragende Öko-Bilanz. Sie kommen aus dem Dorfteich und sind per Hand geangelt.
